Ein ägyptischer Bauer gräbt nach Dünger und stößt auf einen versiegelten Tonkrug. Was er darin findet, wird die Geschichte des frühen Christentums neu schreiben – nachdem es 1.600 Jahre lang absichtlich vergraben und vergessen worden war.
Der Zufallsfund von 1945
Im Dezember 1945 stieß der ägyptische Bauer Muhammad Ali al-Samman nahe der oberegyptischen Stadt Nag Hammadi beim Graben nach düngendem Bodensediment auf einen großen, versiegelten Tonkrug. Darin befanden sich 13 in Leder gebundene Papyrus-Codizes – vollständig erhaltene Bücher, kein Fragment. Al-Samman zögerte zunächst, den Fund öffentlich zu melden: Kurz zuvor war er in eine gewaltsame Blutfehde verwickelt gewesen, bei der er den Mörder seines Vaters getötet hatte, und fürchtete, eine Anzeige seines Fundes könnte die Aufmerksamkeit der Polizei auf ihn lenken.
Ein langer Umweg über Schwarzmarkt und Antiquariate
Erst über Umwege gelangten die Schriften in wissenschaftliche Hände: Teile der Sammlung wurden zunächst auf dem Schwarzmarkt und an lokale Antiquitätenhändler verkauft, ein Codex wurde sogar außer Landes nach Belgien geschmuggelt und tauchte erst 1952 wieder auf, als ihn das C.G. Jung Institut in Zürich erwarb – seither als "Jung-Codex" bekannt. Erst der amerikanische Religionswissenschaftler James M. Robinson koordinierte ab den 1970er-Jahren ein internationales Übersetzerteam, das 1977 mit "The Nag Hammadi Library in English" die erste vollständige englische Gesamtübersetzung vorlegte.
Warum diese Bücher überhaupt vergraben wurden
Die wahrscheinlichste Erklärung: Mönche eines nahen Klosters versteckten die als häretisch verurteilten Texte, nachdem die Amtskirche im 4. Jahrhundert offiziell verboten hatte, welche Schriften als kanonisch galten – ein Verbot, das unter anderem in einem erhaltenen Osterbrief des Bischofs Athanasius von Alexandria aus dem Jahr 367 n. Chr. dokumentiert ist. Statt die Bücher zu verbrennen, wie es angeordnet war, vergruben sie sie – ein stiller Akt des Widerstands, der 1.600 Jahre lang niemand kannte.
Koptische Kopien griechischer Originale
Die Texte selbst sind in koptischer Sprache verfasst, dem letzten Entwicklungsstadium der altägyptischen Sprache, geschrieben mit griechischem Alphabet. Fachleute gehen davon aus, dass es sich um Übersetzungen ursprünglich griechischer Texte aus dem 2. Jahrhundert handelt, die erst im 4. Jahrhundert ins Koptische übertragen und niedergeschrieben wurden – die erhaltenen Codizes selbst sind also bereits Kopien von Kopien deutlich älterer Originale.
Was diese Texte so brisant machte
Zum ersten Mal konnte die Welt gnostische Lehren nicht mehr nur aus den Kampfschriften ihrer erklärten Gegner lesen – sondern direkt von den Gnostikern selbst. Texte wie das Thomasevangelium enthalten Jesus-Worte, die in keinem Evangelium des offiziellen Kanons stehen. Eine Quellenlage, die zum ersten Mal seit anderthalb Jahrtausenden nicht mehr einseitig war.
Was genau die gnostische Lehre hinter diesen Texten ausmacht, liest du im Artikel Was ist Gnosis? Eine Einführung.
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