Serbien, 1725. Ein Bauer namens Peter Plogojowitz stirbt in seinem Dorf Kisiljevo. Kurz darauf sterben neun weitere Dorfbewohner, alle berichten vor ihrem Tod von nächtlichen Besuchen eines kalten, unheimlichen Besuchers. Als die verzweifelten Dörfer sein Grab öffnen, finden sie einen Leichnam, der nach Monaten unter der Erde erstaunlich unversehrt wirkt, mit angeblich frischem Blut am Mund. Was folgt, ist einer der bestdokumentierten Fälle der europäischen Vampirpanik, ein Kapitel Geschichte, das lange vor Bram Stokers berühmtem Roman tatsächlich geschah.
Die realen Vampirpaniken des 18. Jahrhunderts
Der Fall Plogojowitz wurde von einem österreichischen Beamten offiziell dokumentiert und sorgte für erhebliches Aufsehen in ganz Europa. Nur zwei Jahre später, 1727, wiederholte sich ein ähnliches Szenario im serbischen Medveđa. Ein Soldat namens Arnold Paole behauptete, in Griechenland von einem Vampir angegriffen worden zu sein, und starb kurz darauf bei einem Unfall. Nach seinem Tod häuften sich Krankheitsfälle im Dorf, woraufhin man auch seinen Leichnam exhumierte, pfählte und verbrannte. Diese Fälle wurden so bekannt, dass österreichische Militärärzte offizielle Untersuchungsberichte verfassten, die bis heute in Archiven erhalten sind.
Was steckte tatsächlich dahinter? Die moderne Medizin bietet mehrere plausible Erklärungen. Verwesungsprozesse können bei bestimmten Bodenverhältnissen dazu führen, dass Körper länger intakt bleiben, aufgebläht wirken und Flüssigkeit aus dem Mund austritt, was leicht als frisches Blut fehlgedeutet werden konnte. Krankheiten wie Porphyrie, die Haut extrem lichtempfindlich macht, oder Tuberkulose, die zu blutigem Husten führt, könnten ebenfalls zur Legendenbildung beigetragen haben. Auch aus England ist ein ähnlicher Fall dokumentiert: 1761 berichtete der Bristoler Drogist Henry Durbin von rätselhaften Vorfällen im Haus des Gastwirts Richard Giles, bei denen seine Töchter unerklärliche Bissspuren aufwiesen, bis schließlich rituelle Gegenmaßnahmen die Störungen beendeten.
Vom Dörflichen Aberglauben zur literarischen Ikone
Diese realen europäischen Vampirpaniken waren der Nährboden für eine ganze literarische Tradition. Bereits 1819 veröffentlichte John Polidori seine Erzählung The Vampyre, gefolgt 1872 von Sheridan Le Fanus Carmilla. Doch erst Bram Stoker verschmolz 1897 diese literarischen Vorbilder mit realer osteuropäischer Folklore und einer historischen Figur zu jenem Werk, das den Vampirmythos endgültig in die Moderne trug: Dracula.
Interessant ist dabei die Biografie Stokers selbst. Der irische Theatermanager war nachweislich Mitglied der okkulten Gesellschaft Golden Dawn, einem esoterischen Orden im viktorianischen London, der sich mit Ritualmagie und verborgenem Wissen beschäftigte. Wie stark diese Mitgliedschaft den Roman inhaltlich prägte, ist unter Literaturwissenschaftlern bis heute Gegenstand der Diskussion, dokumentiert ist jedoch, dass Stoker in genau jenen esoterischen Kreisen verkehrte, aus denen ein Großteil der viktorianischen Fasznation für das Okkulte hervorging.
Der reale Mann hinter dem Namen
Der Namensgeber der Figur war der walachische Fürst Vlad III., geboren um 1431 in Sighișoara, im heutigen Rumänien. Bekannt wurde er unter dem Beinamen Vlad Tepes, der Pfähler, aufgrund seiner extrem brutalen Bestrafungsmethoden gegenüber Feinden und Verrätern. Vlad war Mitglied des Drachenordens, einer elitären Bruderschaft christlicher Herrscher, die im 15. Jahrhundert gegen die osmanische Expansion kämpfte, worauf sich vermutlich auch sein Beiname Draculea, Sohn des Drachens, zurückführen lässt. Stoker übernahm von diesem realen, historisch belegten Herrscher lediglich den Namen und einige biografische Eckdaten, verwandelte die Figur aber grundlegend, vom brutalen Kriegsfürsten zum eleganten, verführerischen Aristokraten der viktorianischen Schauerliteratur.
Warum der Mythos bis heute nicht verschwindet
Genau dieser Stoff, die Verschmelzung aus dokumentierten Vampirpaniken, realer Adelsgeschichte und esoterischen Strömungen des 19. Jahrhunderts, bildet den Kern des Hörbuchs BLUT UND LEBEN von Johannes Himmel. Das Buch geht weit über die bekannte Dracula Geschichte hinaus und untersucht Vampirfiguren aus aller Welt, vom arabischen Ghul über die südostasiatische Penanggalan bis zu den europäischen Überlieferungen, und verknüpft sie mit der Frage, warum die Vorstellung von blutsaugenden Wesen in praktisch jeder Kultur der Menschheitsgeschichte auftaucht.
Weiterlesen und hören
Wer sich für die vollständige Bandbreite der Vampirmythen aus aller Welt interessiert, findet die tiefergehende Recherche im Hörbuch BLUT UND LEBEN – Die okkulte Wahrheit über Vampire, Freimaurer und Blutmagie von Johannes Himmel, das die europäische Vampirtradition mit Kapiteln über Freimaurerei und die Legenden um Tartaria verbindet.
Auch als Taschenbuch erhältlich
Diese Geschichte gibt es auch zum Selberlesen: "Blut und Leben: Die okkulte Wahrheit über Vampire, Freimaurer und Blutmagie!".