Werwolf Mythen: Die faszinierende russische Folklore hinter dem Oboroten

Werwolf Mythen

Lange bevor Hollywood den Werwolf erfand, fürchteten sich russische Bauern vor dem Oboroten – und in manchen abgelegenen Regionen des Ural erzählt man sich diese Geschichten bis heute nicht als Gruselmärchen, sondern als Warnung.

Oboroten – ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt

Im Russischen gibt es einen Begriff, für den es keine wirkliche westliche Entsprechung gibt: Oboroten, vom Verb oborotit, umwenden oder verwandeln. Während das deutsche Wort Werwolf lediglich einen Menschen beschreibt, der zum Wolf wird, ist der Oboroten kein Opfer eines Fluches und kein Kranker. Er ist ein Gestaltwandler, der schon immer existiert hat – lange bevor Menschen Worte dafür fanden. Er kann die Form eines Wolfs annehmen, eines Bären, eines Falken, nach manchen Quellen sogar eines Heuhaufens oder Steins. Doch der Wolf bleibt die kulturell bedeutsamste Gestalt: Das südslawische Wort Volkolak, wörtlich "Wolfsfell", macht deutlich, dass ein Werwolf jemand ist, der in die Haut des Wolfes schlüpft – nicht jemand, der von ihr befallen wird.

Die slawische Tradition unterscheidet dabei sogar drei Typen: den Wawkalak, der zur Strafe verwandelt wurde, aber dennoch von seiner Familie erkannt und versorgt wird; den Wlkodlak, Opfer fremder Zauberei, das als Einzelgänger in den Wäldern lebt; und den gefährlichsten, den Bodark, der seine Verwandlung freiwillig wählte, indem er ein Kupfermesser in einen Baum stieß und eine uralte Beschwörung an Mond, Meer und Insel richtete. Der Werwolf war in Russland nie ein eindimensionales Monster. Er war ein Spektrum aus Opfern, Freiwilligen, Sanftmütigen und Gefährlichen.

Der Werwolffürst von Polozk

Keine Figur verkörpert diese frühe Tradition eindrücklicher als Fürst Wseslaw von Polozk, geboren um 1039 – mit einer Glückshaut, einer dünnen Membran über dem Kopf, die in der slawischen Tradition als Zeichen übernatürlicher Kraft galt. Die Zauberer rieten seiner Mutter, sie ihm zeitlebens am Körper zu lassen. Das Igorlied, das bedeutendste Epos der altrussischen Literatur, beschreibt unmissverständlich, wie Wseslaw tagsüber über sein Volk richtete und nachts als Wolf durch die Steppen jagte: "Bei Nacht lief er als Wolf und erreichte von Kiew aus noch vor dem Hahnenschrei Tmutorokan." 1067 plünderte er Nowgorod und schmückte seine eigene Kathedrale mit den geraubten Kirchenschätzen, wurde später in eine Falle gelockt und in ein Kiewer Gefängnis geworfen – nur um durch einen Volksaufstand befreit und zum Großfürsten von Kiew ausgerufen zu werden. Sieben Monate herrschte der Werwolffürst über die mächtigste Stadt der Rus, während die Chronisten von nächtlichem Wolfsgeheul berichteten, das über die Paläste des Kreml hallte. Als seine Feinde mit einem Heer zurückkehrten, verschwand er in einer einzigen Nacht und legte über 600 Kilometer bis Polozk zurück – eine Strecke, für die ein Pferd mehrere Tage braucht. Er starb 1101, am Mittwoch vor Karfreitag, ein Datum, das die Chronisten mit auffälliger Bedeutungsschwere vermerkten.

Die Wolfskrieger: ein Initiationsritual, viertausend Jahre alt

2010 stießen die Archäologen David Anthony und Dorcas Brown an der Ausgrabungsstätte Krasnosamarskoye südöstlich von Samara auf etwas, das alle Erwartungen sprengte: die rituell zerlegten Überreste von mindestens 64 Hunden und Wölfen, ihre Schädel mit einer Axt in exakte geometrische Fragmente zerteilt, über 70 Prozent der Tiere männlich und hauptsächlich im Winter getötet. Ihre Interpretation: ein Initiationsritual der bronzezeitlichen Srubnaya-Kultur, bei dem Jungen symbolisch zu Wölfen wurden, bevor sie als Krieger in die Gemeinschaft zurückkehrten – der älteste archäologische Beleg einer Praxis, die sich in fast jeder indoeuropäischen Kultur wiederfindet: die spartanische Krypteia, die vedische Kriegerinitiation Indiens, die Berserker und Ulfhednar der nordgermanischen Sagas. Der Wolfskrieger ist keine Metapher. Er ist eine Institution – und in Russland hat sie nie ganz aufgehört zu existieren.

Die Hunde Gottes: der Werwolf als Beschützer

1691 stand ein über achtzigjähriger Mann namens Thiess vor Gericht im schwedisch-livländischen Jürgensburg und erklärte den fassungslosen Richtern, er sei ein Werwolf – aber kein Diener des Teufels. "Wir sind keine Diener des Teufels. Wir sind die Hunde Gottes", sagte er. Dreimal im Jahr verwandle er sich mit seinen Gefährten in Wölfe und steige in die Hölle hinab, um dort gegen Hexen zu kämpfen und die Ernte der Bauern zu schützen. Der Fall Thiess zeigt, dass die westeuropäische Vorstellung vom Werwolf als reines Monster nur die halbe Geschichte ist. Die slawische Kosmologie kannte den Wolf als Grenzgänger zwischen den drei Weltebenen Praw, Jaw und Naw, verbunden mit dem Gott Veles und seinen Priestern, den Wolchwi – jenen vorchristlichen Gestaltwandlern, deren Macht mit der Christianisierung als teuflisch gebrandmarkt wurde, deren Erinnerung aber im Oboroten weiterlebte.

Die Zona: wo die Legende bis heute lebt

Genau in dieser Tradition verortet der Autor Maxim Kern sein Buch "ZONA": ein Territorium östlich des Urals, größer als Deutschland und Frankreich zusammen, das auf keiner offiziellen Karte verzeichnet ist. Ein pensionierter Grenzoberst, den Kern nur "Pjotr" nennt, beschreibt einen dreihundert Kilometer langen Grenzabschnitt ohne Zaun, Kameras oder Posten: "Weil dieser Abschnitt bereits bewacht wurde. Von etwas, das dort schon lange vor uns war." Eine Anwohnerin namens Jelena Petrowna berichtet, wie ein über zweieinhalb Meter großes, fellbedecktes Wesen ihren Holzzaun einfach durchbrach, sie durchs Fenster ansah – ohne erkennbare Feindseligkeit – und im Wald verschwand. Am eindrücklichsten aber ist die Schilderung einer Jagdgruppe aus Jekaterinburg, die 2019 mitten in der sibirischen Nacht von sieben Wölfen umringt wurde, größer als jeder normale Wolf, die reglos dastanden und die Jäger musterten. Als einer der Männer sein Gewehr hob, schüttelte das anvisierte Tier den Kopf – eine langsame, unmissverständlich menschliche Geste. Nein. Ein Forscherteam der Ural Federal University zeichnete zwischen 2017 und 2019 zudem über 12.000 Stunden Audiomaterial auf und fand Lautmuster, die weit komplexer waren als normales Wolfsgeheul: wiederkehrende Ruf-Antwort-Dialoge mit geschätzt dreißig distinkten Lauteinheiten. Der leitende Bioakustiker reichte seine Ergebnisse nie zur Veröffentlichung ein.

Der Dyatlov-Pass, einer der berühmtesten ungeklärten Vorfälle der Sowjetgeschichte, liegt exakt in dieser Region – im nördlichen Ural, mitten in dem Gebiet, das Maxim Kern als Zona kartiert. Was in jener Nacht 1959 wirklich geschah, liest du in Der Dyatlov Pass Zwischenfall 1959: Was wirklich geschah.

In "ZONA: Russlands Werwölfe und ihr geheimer Militärpakt" verknüpft Maxim Kern jahrhundertealte Folklore systematisch mit ungeklärten realen Vorfällen der Region – von Wseslaw von Polozk bis zu den Tonaufnahmen der Ural Federal University. Jetzt als Taschenbuch oder Hörbuch erhältlich.

Weitere Mythenwesen und ungelöste Fälle wie dieses findest du gesammelt in unserer Kollektion Mysterien & Kryptiden.

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