1692 stellt ein angesehenes Mitglied der Royal Society eine These auf, die heute vollkommen absurd klingt: Die Erde sei hohl, bewohnbar, mit einer eigenen Sonne im Inneren. Der Haken: Dieser Wissenschaftler war keine Randfigur, sondern Edmond Halley – ja, der Halley des Kometen.
Ein respektierter Astronom mit einer radikalen These
Halley veröffentlichte sein Hohlerde-Modell 1692 in den "Philosophical Transactions" der Royal Society, um Anomalien im Erdmagnetfeld zu erklären, die er selbst gemessen hatte: mehrere konzentrische Schalen im Erdinneren, jede mit eigenem Magnetfeld und eigener Rotation, sollten die widersprüchlichen Messwerte erklären. Nach damaligem Wissensstand keine absurde Idee, sondern ein ernsthafter, wenn auch letztlich falscher, wissenschaftlicher Erklärungsversuch eines der angesehensten Wissenschaftler seiner Zeit.
Symmes' Loch: Eine Petition an den US-Kongress
Im 19. Jahrhundert nahm die Idee eine deutlich abenteuerlichere Wendung: Der ehemalige US-Armeeoffizier John Cleves Symmes Jr. propagierte ab 1818 die These, an den Polen befänden sich riesige Öffnungen ("Symmes' Hole"), durch die man ins bewohnte Erdinnere gelangen könne. Symmes reichte tatsächlich eine formelle Petition beim US-Kongress ein und warb jahrelang öffentlich für eine Expedition. Historiker sehen in dieser Kampagne sogar einen der Impulse für die spätere United States Exploring Expedition (1838–1842), auch wenn deren tatsächliche wissenschaftliche Ziele weit über Symmes' Theorie hinausgingen.
Von der ernsthaften Hypothese zur populären Legende
Was mit Halleys wissenschaftlicher Spekulation begann, verselbstständigte sich über die Jahrhunderte weiter in der Literatur: Jules Vernes Roman "Reise zum Mittelpunkt der Erde" (1864) und später Edward Bulwer-Lyttons "The Coming Race" (1871) griffen die Idee literarisch auf – und aus einer physikalischen Hypothese wurde ein populärer Mythos, der bis heute nicht sterben will.
Warum die moderne Wissenschaft die Idee klar verwirft
Seismische Messungen, Schwerkraftdaten und die Analyse von Erdbebenwellen liefern heute ein detailliertes, konsistentes Bild eines geschichteten Erdinneren: Die dänische Seismologin Inge Lehmann wies 1936 anhand von P-Wellen-Schattenzonen nach, dass unter dem flüssigen äußeren Erdkern noch ein fester innerer Kern existiert – keine Hohlräume, keine innere Sonne, sondern eine präzise vermessene Abfolge aus fester, flüssiger und wieder fester Materie. Der wissenschaftliche Konsens ist hier eindeutig. Trotzdem bleibt die Hohlerde-Idee populär, weil sie eine uralte menschliche Sehnsucht bedient: die nach einer verborgenen, unentdeckten Welt.
Wie sich diese Sehnsucht mit dem Vril-Mythos verband, liest du im Artikel Vril: Wie ein Science Fiction Roman von 1871 zum Verschwörungsmythos wurde.
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