Vril: Wie ein Science Fiction Roman von 1871 zum Verschwörungsmythos wurde

Antikes glühendes Buch in einer düsteren Kammer – Titelbild mit Schriftzug Ein Roman wird Mythos

1871 erfindet ein britischer Schriftsteller am Schreibtisch eine unterirdische Superzivilisation, angetrieben von einer geheimnisvollen Kraft namens „Vril“. Reine Fantasie, ausgedacht für einen Roman. Und dann passiert das, was eigentlich nicht passieren dürfte: Ein halbes Jahrhundert später beginnen okkulte Zirkel im Berlin der 1920er Jahre, genau diese erfundene Energie für real zu halten. Wie wird aus einer Romanidee ein Mythos, an den Menschen ihr Leben hängen?

„The Coming Race“: ein Roman, beim Wort genommen

Edward Bulwer-Lytton veröffentlichte seinen Roman als klare Fiktion. Er erzählt von einer unterirdischen Rasse, technologisch und spirituell weit überlegen dank einer universellen Energieform namens Vril, die heilen, antreiben und zerstören kann, alles zugleich. Gedacht war das als literarisches Gedankenexperiment. Doch das Buch entwickelte ein erstaunliches Eigenleben, weil ein Teil der Leser die Erfindung schlicht wörtlich nahm. Genau hier beginnt die eigentliche Geschichte, und sie ist spannender als der Roman selbst.

Willy Ley und der erste dokumentierte Funke

Der deutsch-amerikanische Raketeningenieur Willy Ley veröffentlichte 1947 im US-Magazin „Astounding Science Fiction“ einen vielzitierten Essay über Pseudowissenschaft im Nationalsozialismus. Beiläufig erwähnte er darin eine Berliner Vorkriegsgruppe, die angeblich nach „Vril“ gesucht habe. Dieser eine kurze, unbelegte Nebensatz ist die früheste bekannte schriftliche Spur des modernen Vril-Gesellschafts-Mythos. Ein Halbsatz, aus dem eine Legende wuchs.

Bergier, Pauwels und die eigentliche Geburtsstunde

Zur Explosion kam der Mythos erst 1960, durch den französischen Bestseller „Le Matin des Magiciens“ (auf Deutsch „Aufbruch ins dritte Jahrtausend“) von Jacques Bergier und Louis Pauwels. Die beiden Autoren verknüpften Leys Nebenbemerkung mit der real existierenden, aber ganz anders gearteten Thule-Gesellschaft, einem 1918 von Rudolf von Sebottendorff gegründeten völkisch-esoterischen Verein, der sich schon Anfang der 1920er Jahre wieder auflöste. Aus dieser Verknüpfung entstand die bis heute kursierende, historisch aber unbelegte Legende einer okkulten „Vril-Gesellschaft“ im NS-Staat. Zwei Autoren, ein Bestseller, und plötzlich glaubt die halbe Welt an eine Gruppe, die es so nie gab.

Was die Historiker dazu sagen

Der britische Historiker Nicholas Goodrick-Clarke arbeitete in seinem Standardwerk „The Occult Roots of Nazism“ (1985) die tatsächliche, deutlich nüchternere Geschichte völkisch-esoterischer Gruppen der Weimarer Zeit auf. Sein Fazit: Für eine organisierte „Vril-Gesellschaft“ findet sich in den zeitgenössischen Archiven kein einziger Beleg. Der Mythos entstand nachweislich erst Jahrzehnte nach 1945 in der populären Nachkriegsliteratur, nicht im Berlin der Vorkriegszeit. Das macht die Sache nicht harmloser, im Gegenteil: Es zeigt, wie mühelos aus einer Fußnote eine Weltverschwörung werden kann.

Warum ausgerechnet ein Roman zum Mythos werden konnte

Selten lässt sich der Weg von der Fiktion zur vermeintlichen Realität so gut nachverfolgen wie bei Vril. Eine literarische Erfindung wird von späteren Autoren aufgegriffen, mit echten, inhaltlich ganz anders gelagerten Gruppen verknüpft und schließlich mit Hohlerde-Theorien und angeblich unterdrückter freier Energie verlötet. Ein Muster, das dir danach überall begegnet, sobald du es einmal erkannt hast. Und genau das ist der unheimliche Reiz dieser Geschichte: Sie handelt nicht von einer geheimen Energie, sondern davon, wie leicht wir bereit sind, eine zu erfinden.

Wie sich dieser Mythos mit der viel älteren Idee einer bewohnten Hohlerde verband, liest du im Artikel Die Hohlerde-Theorie: Geschichte einer jahrhundertealten Idee.

Die komplette Spur von 1871 bis heute

Im Hörbuch „VRIL – Die geheime Zivilisation unter der Erde“ wird dieser Weg vom harmlosen Roman zur handfesten Verschwörungslegende lückenlos nachgezeichnet, mit allen Abzweigungen zu Hohlerde, Tesla und angeblich unterdrückter Energietechnologie. Wenn dich packt, wie eine erfundene Kraft realer werden konnte als die Wahrheit, dann ist das die Geschichte, die du hören musst.

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Diese Geschichte gibt es auch zum Selberlesen: „VRIL: Die geheime Zivilisation unter der Erde“.

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