Ein erfundenes Ungeheuer und ein echtes Geräusch trennen fast siebzig Jahre. Trotzdem bringen viele Menschen beide bis heute in einen Atemzug. Der Grund dafür liegt tief unter der Meeresoberfläche, an einem Ort, den kein Mensch je betreten hat.
Der Schläfer, den Lovecraft erschuf
1928 veröffentlichte der amerikanische Autor Howard Phillips Lovecraft eine Erzählung mit dem Titel The Call of Cthulhu. Darin beschreibt er ein uraltes, gewaltiges Wesen mit einem Kopf voller Tentakel, das seit Ewigkeiten in einer versunkenen Stadt namens Rlyeh auf dem Grund des Pazifiks schläft. Cthulhu ist kein gewöhnliches Monster. Er ist bei Lovecraft eine kosmische Macht, so alt und so fremd, dass der menschliche Verstand an ihm zerbricht, sobald er ihn auch nur zu begreifen versucht.
Lovecraft war zu Lebzeiten kaum bekannt und starb arm. Doch seine Idee wuchs nach seinem Tod zu einem der einflussreichsten Mythen der modernen Popkultur. Aus der Erzählung wurde ein ganzes Geflecht von Geschichten, das sogenannte Cthulhu-Universum, an dem sich unzählige Autoren beteiligten. Der Kern blieb immer derselbe. Da liegt etwas Ungeheures in der Tiefe, es schläft nur, und eines Tages wird es erwachen.
1997: Ein Geräusch, das niemand erklären konnte
Im Sommer 1997 zeichneten Unterwassermikrofone der amerikanischen Ozeanbehörde NOAA ein Signal auf, das alles Bekannte sprengte. Es war ein tiefes, ansteigendes Geräusch, das die Techniker später schlicht Bloop nannten. Das Erstaunliche war seine Lautstärke. Der Klang wurde von Sensoren erfasst, die über fünftausend Kilometer voneinander entfernt lagen. Kein bekanntes Tier, nicht einmal der Blauwal, das größte Lebewesen der Erde, bringt eine solche Schallenergie hervor.
Genau diese Diskrepanz ließ die Fantasie explodieren. Wenn kein bekanntes Tier so laut sein kann, was dann? Und dann kam der Punkt, der die Geschichte endgültig ins Unheimliche kippen ließ. Die grobe Herkunftsregion des Bloop im Südpazifik lag nicht weit von jenen Koordinaten entfernt, die Lovecraft Jahrzehnte zuvor für die versunkene Stadt Rlyeh erfunden hatte. Ein Autor hatte eine schlafende Kreatur in die Tiefe des Pazifiks gesetzt, und ausgerechnet aus dieser Ecke des Ozeans kam nun ein reales, unerklärtes Geräusch.
Die nüchterne Erklärung, und warum sie nicht alle überzeugt
Die NOAA lieferte später eine Deutung. Nach weiteren Messungen ordnete die Behörde den Bloop sogenannten Eisbeben zu, also dem Bersten und Abbrechen gewaltiger Eismassen in der Antarktis. Große Eisberge, die zerbrechen und über den Meeresboden schrammen, können tatsächlich enorme Schallwellen erzeugen. Für die meisten Wissenschaftler ist der Fall damit gelöst.
Und doch bleibt bei vielen ein Rest. Zum einen war die erste, spektakuläre Deutung eben nicht Eis, sondern ein mögliches Lebewesen, was die Behörde selbst zunächst nicht ausschloss. Zum anderen rührt der Bloop an einer unbequemen Wahrheit über unseren Planeten. Wir haben die Tiefsee schlechter kartiert als die Oberfläche des Mondes. Der größte Lebensraum der Erde ist zugleich der am wenigsten erforschte. Wer behauptet, dort unten könne sich nichts Unbekanntes verbergen, sagt mehr über seinen Glauben an die Vollständigkeit unseres Wissens als über den Ozean.
Warum die Tiefe uns nie losgelassen hat
Cthulhu und der Bloop treffen sich in einer sehr alten menschlichen Ahnung. Das Meer war für unsere Vorfahren immer der Rand der bekannten Welt, ein dunkler Vorhang, hinter dem alles möglich schien. Fast jede Küstenkultur kennt Erzählungen von riesigen Wesen aus der Tiefe, von der Seeschlange bis zum Kraken. Lovecraft hat diese uralte Angst nur in eine moderne Form gegossen. Der Bloop hat sie für einen Moment mit einem echten Messwert unterlegt.
Man muss nicht an ein schlafendes Ungeheuer glauben, um den Reiz dieser Geschichte zu spüren. Es reicht die nüchterne Einsicht, dass wir über den Grund unserer eigenen Ozeane erstaunlich wenig wissen. Und dass ein einziges, unerklärtes Geräusch genügt, um eine ganze Generation wieder nach unten horchen zu lassen.
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Titelbild: mit KI erzeugt.