Die Werwolfprozesse: Als Europa echte Menschen als Wölfe verbrannte

Werwolfprozesse in Europa, mit KI erzeugt

Wir halten den Werwolf heute für eine Figur aus dem Kino. Doch es gab eine Zeit, in der Richter, Gelehrte und ganze Dörfer felsenfest an ihn glaubten, in der Menschen aus Fleisch und Blut wegen Lykanthropie gefoltert und hingerichtet wurden. Diese Zeit ist gut dokumentiert, und sie ist näher an uns, als den meisten lieb ist.

Ein Gericht, das an Wolfsmenschen glaubte

Zwischen etwa 1520 und 1630 rollte eine Welle von Werwolfprozessen durch Mitteleuropa, vor allem durch Frankreich, die Schweiz und die deutschsprachigen Länder. Historiker schätzen die Zahl der Verfahren auf mehrere hundert, allein in der Franche-Comté sollen es über hundert gewesen sein. Das waren keine Volkssagen, die am Lagerfeuer weitergereicht wurden. Es waren Verfahren mit Anklage, Zeugen, Verhör und Urteil, festgehalten in Akten, die bis heute in Archiven liegen. Wer sie liest, merkt schnell, dass die Angst vor dem Wolfsmenschen für die Menschen dieser Epoche so real war wie für uns die Angst vor einem Einbrecher.

Der Werwolf tauchte dabei fast immer im selben Atemzug wie die Hexe auf. In den Augen der Richter war die Verwandlung in einen Wolf kein Naturphänomen, sondern ein Pakt. Wer zum Wolf wurde, so die Überzeugung, hatte sich dem Teufel verschrieben und von ihm eine Salbe oder einen Gürtel aus Wolfsfell erhalten. Damit war der Werwolfprozess juristisch nur eine Sonderform der Hexenverfolgung, und er unterlag denselben grausamen Regeln.

Peter Stumpp, der Werwolf von Bedburg

Der berühmteste Fall spielt 1589 in Bedburg bei Köln. Ein Bauer namens Peter Stumpp gestand unter der Folter eine lange Reihe von Morden und behauptete, der Teufel habe ihm einen Gürtel gegeben, mit dem er sich in einen Wolf mit glühenden Augen und mächtigen Klauen verwandeln könne. Die Anklage warf ihm den Tod von Kindern und Erwachsenen über viele Jahre vor. Sein Ende war so brutal, dass die Schilderung bis heute schwer zu ertragen ist. Ein englisches Flugblatt aus demselben Jahr verbreitete den Fall in ganz Europa und machte Stumpp zur Symbolfigur des Wolfsmenschen.

Nun ist bei einem unter Folter erpressten Geständnis kaum zu sagen, was Stumpp wirklich getan hat und was ihm die Fragen der Ankläger erst in den Mund legten. Genau das ist der unheimliche Kern dieser Prozesse. Es geht nicht darum, ob ein Mann sich in einen Wolf verwandelte. Es geht darum, dass eine gebildete Gesellschaft bereit war, das für möglich zu halten, und einen Menschen dafür rädern ließ.

Gilles Garnier und der Junge von Jean Grenier

Stumpp war kein Einzelfall. In Dole wurde 1573 der Einsiedler Gilles Garnier verurteilt, den man den Werwolf von Dole nannte. Man warf ihm vor, mehrere Kinder getötet zu haben, angeblich in Wolfsgestalt, und verbrannte ihn. In der Auvergne kursierte die Geschichte einer Adligen, deren Hand als Wolfspranke verletzt worden sein soll und die man daran erkannt habe. Und 1603 gab es im Südwesten Frankreichs den Fall des jungen Jean Grenier, eines Hirtenjungen, der behauptete, sich mit Hilfe eines Fellumhangs in einen Wolf zu verwandeln.

Der Fall Grenier ist deshalb bemerkenswert, weil das Gericht am Ende anders entschied. Die Richter kamen zu dem Schluss, dass der Junge geistig verwirrt sei, und steckten ihn in ein Kloster, statt ihn hinzurichten. Zum ersten Mal las ein Gericht die Verwandlung nicht als Teufelspakt, sondern als Krankheit. Dieser Perspektivwechsel sollte später die ganze Debatte verändern.

Was steckte wirklich dahinter?

Wer die Fälle nebeneinanderlegt, stößt auf mehrere Erklärungsansätze, die einander nicht ausschließen. Da ist zunächst die klinische Lykanthropie, eine seltene psychische Störung, bei der Betroffene fest davon überzeugt sind, sich in ein Tier zu verwandeln. Diese Diagnose gibt es bis heute, und sie beschreibt Menschen, die tatsächlich glauben, ein Wolf zu sein.

Dann sind da die sogenannten Hexensalben. Überlieferte Rezepte enthalten Pflanzen wie Tollkirsche, Bilsenkraut und Stechapfel, allesamt starke Rauschmittel, die Halluzinationen und das Gefühl auflösender Körpergrenzen auslösen können. Ein Mensch, der sich eine solche Salbe einrieb, konnte im Rausch ehrlich davon überzeugt sein, auf allen vieren durch den Wald zu jagen. Manche Forscher ziehen zusätzlich das Mutterkorn heran, einen Pilz auf Getreide, dessen Gift in schlechten Erntejahren ganze Dörfer in fiebrige Wahnzustände stürzen konnte.

Und schließlich gab es die schlichte Notwendigkeit einer Erklärung. In einer Zeit voller Wälder, echter Wölfe und ungeklärter Todesfälle bot der Werwolf ein Gesicht für das Grauen. Man konnte ihn benennen, anklagen und verbrennen. Das gab den Menschen ein Gefühl von Kontrolle, wo in Wahrheit keine war.

Der Wolf im Osten war ein anderer

Auffällig ist, wie stark sich dieses westeuropäische Bild vom östlichen unterscheidet. Während die Gerichte in Frankreich und Deutschland den Wolfsmenschen als Diener des Teufels auf den Scheiterhaufen schickten, bewahrte die slawische Überlieferung ein älteres Bild. Dort war der Gestaltwandler nicht zwingend böse, sondern oft ein Grenzgänger, ein Beschützer, manchmal sogar ein Fürst. Die volle Tiefe dieser Tradition, vom Werwolffürsten von Polozk bis zu den Wolfskriegern der Bronzezeit, haben wir an anderer Stelle ausgebreitet, und sie wirft ein ganz neues Licht auf das, was Europa im Westen verbrannte.

Warum uns das heute noch angeht

Die Werwolfprozesse sind kein fernes Kuriosum. Sie zeigen, wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, das Unerklärliche in ein Ungeheuer zu verwandeln und dieses Ungeheuer dann in einem konkreten Menschen zu suchen. Aus Angst wird Verdacht, aus Verdacht wird ein Geständnis unter Folter, und am Ende steht ein Urteil, das niemand mehr hinterfragt. Der Wolf im Wald war vielleicht nie das eigentliche Raubtier. Das war die Angst selbst.

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Titelbild: mit KI erzeugt.