Das Einhorn: Vom Narwal-Zahn zum Mythos

Das Geheimnis des Einhorns - Narwal-Zahn

Im europäischen Mittelalter zweifelte kaum jemand an der Existenz des Einhorns. Gedrehte, spiralförmige Hörner wurden an europäischen Höfen als "Einhorn-Horn" gehandelt, gegen Gift eingesetzt und für ein Vielfaches ihres Gewichts in Gold verkauft. Das Geheimnis dahinter wurde erst im 17. Jahrhundert vollständig aufgeklärt - und führt in die arktischen Gewässer Grönlands.

Der Narwal: Das echte "Einhorn des Meeres"

Der Narwal (Monodon monoceros), ein in arktischen Gewässern lebender Zahnwal, entwickelt bei männlichen Tieren einen bis zu drei Meter langen, spiralig gedrehten Zahn, der aus der Oberlippe herauswächst. Skandinavische und später auch englische Händler brachten diese Zähne über Jahrhunderte nach Mitteleuropa, verschwiegen jedoch bewusst deren tatsächliche Herkunft, um den außergewöhnlich hohen Marktwert des vermeintlichen Einhorn-Horns zu erhalten.

Die medizinische und königliche Bedeutung

Einhorn-Hörner galten als wirksames Gegenmittel gegen Gift - eine im Zeitalter häufiger Giftmordanschläge an europäischen Höfen äußerst begehrte Eigenschaft. Elisabeth I. von England soll ein komplettes Einhorn-Horn im Wert eines Schlosses besessen haben; der dänische Thron in Rosenborg ist bis heute teilweise aus vermeintlichem Einhorn-Elfenbein gefertigt, das sich bei späterer Untersuchung als Narwalzahn herausstellte.

Marco Polo und das "hässliche" Einhorn

Nicht jede historische Einhorn-Beschreibung passt zum eleganten, pferdeähnlichen Fabelwesen späterer Kunst. Der venezianische Reisende Marco Polo beschrieb in seinen Reiseberichten aus dem 13. Jahrhundert ein "Einhorn", das er in Sumatra gesehen habe, als plumpes, schlammliebendes Tier mit dickem schwarzen Fell - eine Beschreibung, die moderne Historiker eindeutig als Java-Nashorn identifizieren. Auch das indische Nashorn diente in älteren Quellen wiederholt als reales Vorbild für Einhorn-Beschreibungen.

Die biblische Spur: Re'em

Eine weitere Wurzel des Einhorn-Mythos liegt in Übersetzungsfehlern: Das hebräische Wort "Re'em", das vermutlich einen wilden Auerochsen oder ein anderes großes, zweihörniges Wildrind bezeichnete, wurde in der griechischen Septuaginta und später in lateinischen Bibelübersetzungen als "Monokeros" beziehungsweise "Unicornis" - Einhorn - wiedergegeben und verankerte das Fabelwesen dadurch fest in der christlichen Symbolwelt des Mittelalters, wo es zudem als Sinnbild für Christus und Reinheit gedeutet wurde.

Die Deutung im Taschenbuch

Das Taschenbuch "Die mystischen Kreaturen der Alten Welt" von Max Ehrenberg widmet dem Einhorn ein eigenes Kapitel und ordnet es, ähnlich wie Drache und Seeschlange, als Erinnerung an reale, teils bereits ausgestorbene Tierarten der "Alten Welt" ein. Unabhängig davon, welcher Erklärung man folgt, zeigt die Geschichte des Einhorns eindrücklich, wie aus realen Tieren, Übersetzungsfehlern und lukrativem Handelsgeheimnis einer der langlebigsten Mythen der Menschheit entstehen konnte.

Auch als Taschenbuch erhältlich

Diese Geschichte gibt es auch zum Selberlesen: "Die mystischen Kreaturen der Alten Welt".

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