Der Zimmermann-Code: Kryptografie vor dem Ersten Weltkrieg

Das Telegramm, das den Krieg entfesselte - Zimmermann-Code

Codierte Botschaften, die den Lauf der Weltgeschichte verändern - das klingt nach Verschwörungsliteratur, ist aber ein gut dokumentiertes, reales Ereignis: die Entschlüsselung des sogenannten Zimmermann-Telegramms im Januar 1917, das maßgeblich zum Kriegseintritt der USA beitrug.

Was das Telegramm enthielt

Der deutsche Außenminister Arthur Zimmermann schickte im Januar 1917 ein verschlüsseltes Telegramm an den deutschen Botschafter in Mexiko, in dem er für den Fall eines US-Kriegseintritts ein Bündnisangebot an Mexiko unterbreitete - inklusive der Aussicht auf die Rückgewinnung von Texas, Arizona und New Mexico. Das Telegramm wurde von der britischen Codeknacker-Abteilung "Room 40" abgefangen und entschlüsselt.

Die Veröffentlichung und ihre Folgen

Die britische Regierung spielte den Inhalt gezielt der US-Presse zu, die ihn am 1. März 1917 veröffentlichte. Der öffentliche Aufschrei in den bis dahin neutralen USA war enorm und gilt neben dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg als einer der entscheidenden Auslöser für den amerikanischen Kriegseintritt am 6. April 1917 - ein Beispiel dafür, wie eine einzelne entschlüsselte Botschaft real den Kriegsverlauf beeinflusste.

Kryptografie als reales Machtinstrument

Der Fall zeigt, dass Kryptografie im Ersten Weltkrieg tatsächlich eine erhebliche geheimdienstliche Rolle spielte - allerdings nicht in Form geheimer Botschaften an die Öffentlichkeit über Zeitungsanzeigen, wie es spätere alternative Literatur häufig unterstellt, sondern als militärisch-diplomatisches Instrument zwischen Regierungen, das erst durch gezielte Aufklärungsarbeit an die Öffentlichkeit gelangte.

Warum "codierte Zeitungsbotschaften" schwer nachweisbar sind

Die in Teilen der alternativen Geschichtsliteratur verbreitete Idee, historische Ereignisse seien bereits vorab über verschlüsselte Botschaften in Zeitungsanzeigen "angekündigt" worden, lässt sich methodisch kaum überprüfen: Bei einer großen Menge historischer Zeitungstexte lassen sich im Nachhinein nahezu beliebige vermeintliche "Codes" hineininterpretieren - ein Phänomen, das eng mit der later behandelten Apophänie verwandt ist, dem menschlichen Hang, überall Muster zu erkennen.