Schrift gilt als eine der folgenreichsten Erfindungen der Menschheit - und als eine, die laut den meisten Historikern mehrfach und unabhängig voneinander entstand: in Mesopotamien, in Ägypten, in China, in Mesoamerika. Ignatius Donnelly sah das 1882 anders. Er postulierte eine einzige gemeinsame Urschrift, von der alle späteren Alphabete - inklusive der Mayaschrift - abstammen sollten.
Die Unabhängigkeits-These der modernen Forschung
Die heutige Schriftgeschichte geht von mindestens vier bis fünf komplett unabhängigen Erfindungen der Schrift aus: der sumerischen Keilschrift (ca. 3400 v. Chr.), den ägyptischen Hieroglyphen (ca. 3200 v. Chr.), der chinesischen Schrift (ca. 1200 v. Chr., mit älteren Vorstufen) sowie der mesoamerikanischen Schrifttradition der Olmeken und später Maya (ab ca. 900 v. Chr.). Diese Systeme entstanden zu unterschiedlichen Zeiten, auf unterschiedlichen Kontinenten und mit völlig unterschiedlichen Zeichenprinzipien - ein starkes Argument gegen eine gemeinsame Wurzel.
Donnellys Gegenargument: Ähnlichkeit als Beweis
Donnelly stützte seine These auf oberflächliche Zeichenähnlichkeiten zwischen weit voneinander entfernten Schriftsystemen und auf die - aus heutiger Sicht widerlegte - Annahme, komplexe Kulturtechniken könnten nicht mehrfach unabhängig erfunden werden, sondern müssten sich zwingend von einem einzigen Zentrum aus verbreitet haben. Diese Grundannahme, in der Ethnologie als "Hyperdiffusionismus" bekannt, war im ausgehenden 19. Jahrhundert populär, gilt heute aber als überholt.
Die Maya-Verbindung im Detail
Besonders die Mayaschrift diente Donnelly als Kronzeuge, da ihre Entzifferung zu seiner Zeit noch in den Anfängen steckte und viele ihrer Zeichen als ägyptisch-ähnlich "gedeutet" werden konnten, ohne dass jemand die tatsächliche Bedeutung nachprüfen konnte. Erst die vollständige Entzifferung der Mayaglyphen im späten 20. Jahrhundert - maßgeblich durch die Arbeiten von Yuri Knorosov und David Stuart - zeigte, dass es sich um ein eigenständiges logo-syllabisches System handelt, das strukturell nichts mit ägyptischen Hieroglyphen gemein hat.
Woher kommt der Eindruck von Ähnlichkeit?
Dass frühe, noch nicht vollständig entzifferte Schriftsysteme für Laien ähnlich wirken, liegt vor allem daran, dass frühe Schriften weltweit ähnliche Grundprobleme lösen mussten: Objekte, Tiere und Handlungen mussten mit begrenzten grafischen Mitteln dargestellt werden. Diese funktionale Ähnlichkeit wird oft mit historischer Verwandtschaft verwechselt - ein Deutungsmuster, das sich durch die gesamte Diffusionismus-Literatur des 19. Jahrhunderts zieht, wie bereits im Artikel Ignatius Donnelly: Der Mann, der Atlantis 1882 wiederentdeckte beschrieben.
Die Version im Taschenbuch
Das Taschenbuch "ATLANTIS: Die Wahrheit über den versunkenen Kontinent!" von Max Ehrenberg greift Donnellys Alphabet-These direkt auf und präsentiert die Mayaschrift als weiteres Indiz für eine gemeinsame atlantische Herkunft aller frühen Hochkulturen. Für Leser, die sich für die Geschichte verlorener Schriftsysteme und ihre teils spektakulären Interpretationen interessieren, bietet das Buch damit einen unterhaltsamen Einstieg in eine über 140 Jahre alte Debatte.
Auch als Taschenbuch erhältlich
Diese Geschichte gibt es auch zum Selberlesen: "ATLANTIS: Die Wahrheit über den versunkenen Kontinent!".