Ignatius Donnelly: Der Mann, der Atlantis 1882 wiederentdeckte

Der Mann, der Atlantis wiederentdeckte - Ignatius Donnelly

Fast jede heute kursierende Atlantis-Theorie - von angeblichen Pyramiden vor den Azoren bis zu "atlantischer" Hochtechnologie - lässt sich auf ein einziges Buch zurückführen: "Atlantis: The Antediluvian World", erschienen 1882. Sein Autor war kein Archäologe, sondern ein amerikanischer Politiker mit einer Leidenschaft für verlorene Zivilisationen.

Vom Kongressabgeordneten zum Bestsellerautor

Ignatius Loyola Donnelly (1831-1901) war Vizegouverneur von Minnesota und mehrfacher US-Kongressabgeordneter, bevor er sich in den 1880er-Jahren der Schriftstellerei zuwandte. Politisch war er eine schillernde Figur der US-Populistenbewegung; historisch bekannt wurde er jedoch vor allem durch zwei Bücher, die nichts mit Politik zu tun hatten: eines über die angebliche Verfasserschaft Francis Bacons an Shakespeares Werken - und eben "Atlantis: The Antediluvian World".

Die zentrale These: Eine Zivilisation, viele Töchter

Donnellys Kernidee ging weit über Platons ursprünglichen Bericht hinaus: Er behauptete, Atlantis sei nicht nur real gewesen, sondern die gemeinsame Mutterzivilisation praktisch aller frühen Hochkulturen - Ägypten, die Maya, die Phönizier, sogar die nordischen und indischen Mythologien seien laut Donnelly verzerrte Erinnerungen an atlantische Könige und Ereignisse. Auffällige Ähnlichkeiten zwischen weit voneinander entfernten Kulturen - etwa Pyramidenbauten auf mehreren Kontinenten oder ähnliche Flutmythen - erklärte er durchgehend mit einem gemeinsamen atlantischen Ursprung statt mit unabhängiger Erfindung oder späterem Kulturkontakt.

Warum das Buch damals einschlug

Donnellys Timing war günstig: Das ausgehende 19. Jahrhundert war eine Blütezeit für Diffusionismus - die Vorstellung, dass kulturelle Errungenschaften sich von einem einzigen Zentrum aus über die Welt verbreitet hätten, statt vielerorts unabhängig zu entstehen. Zugleich faszinierten Ozeanexpeditionen wie die HMS Challenger (1872-1876) die Öffentlichkeit mit neuen Daten über den Meeresboden, die Donnelly als vermeintliche Bestätigung eines versunkenen Mittelatlantik-Kontinents heranzog. Sein Buch wurde binnen weniger Jahre in mehrere Sprachen übersetzt und blieb über Jahrzehnte im Druck.

Die wissenschaftliche Antwort

Bereits Zeitgenossen wie der Geologe Archibald Geikie widersprachen Donnellys geologischen Deutungen deutlich; die moderne Plattentektonik, seit den 1960er-Jahren etabliert, hat Donnellys zentrale These endgültig widerlegt: Der Meeresboden des Atlantiks besteht aus deutlich jüngerem ozeanischem Gestein, das sich am Mittelatlantischen Rücken kontinuierlich neu bildet - für einen versunkenen Großkontinent bliebe schlicht kein geologischer Platz. Wie genau die moderne Geologie diesen Rücken erklärt und warum er dennoch bis heute als vermeintlicher "Beweis" zitiert wird, behandelt der Artikel Der Mittelatlantische Rücken: Geologische "Beweise" für Atlantis?.

Das Erbe: Von Donnelly zu Ehrenberg

Trotz der wissenschaftlichen Widerlegung blieb Donnellys diffusionistisches Grundgerüst - eine einzige Urzivilisation als Erklärung für globale Kulturähnlichkeiten - die Vorlage für praktisch jede spätere Atlantis-Publikation, einschließlich zahlreicher Bücher des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Taschenbuch "ATLANTIS: Die Wahrheit über den versunkenen Kontinent!" von Max Ehrenberg reiht sich mit seiner Rahmenerzählung um ein angebliches Manuskript von den Azoren explizit in diese seit 1882 laufende Tradition ein und beruft sich stellenweise wörtlich auf Donnellys Originaltext.

Auch als Taschenbuch erhältlich

Diese Geschichte gibt es auch zum Selberlesen: "ATLANTIS: Die Wahrheit über den versunkenen Kontinent!".

→ Jetzt "ATLANTIS" als Taschenbuch entdecken