Mothman: Die wahre Geschichte des Fluggeisterwesens von Point Pleasant

Mothman Fluggeisterwesen

Point Pleasant, West Virginia, November 1966: Ein rot leuchtendes, geflügeltes Wesen mit menschenähnlicher Gestalt taucht auf – und dreizehn Monate später stürzt eine Brücke ein. Zufall oder Vorbote?

Die erste Sichtung: Zwei Ehepaare und ein "großer, grauer Mann"

In der Nacht des 15. November 1966 fahren zwei junge Ehepaare, Roger und Linda Scarberry sowie Steve und Mary Mallette, an der ehemaligen TNT-Area vorbei – einem stillgelegten Munitionsgelände aus dem Zweiten Weltkrieg, durchzogen von unterirdischen Bunkeranlagen. Zwischen den Bäumen sehen sie ein über zwei Meter großes, graues, geflügeltes Wesen mit zwei kreisrunden, glühend roten Augen. Als sie fliehen, folgt ihnen das Wesen lautlos, ohne die Flügel sichtbar zu bewegen, mit Geschwindigkeiten von bis zu 160 km/h. Innerhalb weniger Tage melden sich Dutzende weitere Zeugen mit fast identischen Beschreibungen; die Lokalzeitung Point Pleasant Register tauft das Wesen nach dem Batman-Bösewicht "Killer Moth" auf den Namen Mothman. Der Journalist und Ufologe John Keel zieht 1966 nach Point Pleasant, um die Häufung an Sichtungen zu untersuchen, und dokumentiert in den folgenden 13 Monaten über 100 Zeugenaussagen – begleitet von Berichten über mysteriöse "Men in Black", die Zeugen einschüchtern, sowie über eine Kontaktperson namens "Indrid Cold", die Vorwarnungen zu kommendem Unheil ausgesprochen haben soll.

Der Einsturz der Silver Bridge: Ein Wesen als Unglücksbote

Am Abend des 15. Dezember 1967, fast exakt ein Jahr nach der ersten Sichtung, bricht während des dichten Feierabendverkehrs ein einziges Kettenglied der Silver Bridge über den Ohio River – durch Materialermüdung, wie eine spätere Untersuchung ergibt. Die gesamte Brücke stürzt binnen Sekunden ein. 46 Menschen sterben. Für viele Bewohner von Point Pleasant war der zeitliche Zusammenhang kein Zufall: Mehrere Zeugen berichteten, in den Tagen vor der Katastrophe das Wesen noch einmal in der Nähe der Brücke gesehen zu haben, und nach dem Einsturz verstummten die Sichtungen fast vollständig. Mothman wurde in der lokalen Deutung zu einem Wesen, das nicht die Katastrophe verursachte, sondern sie ankündigte – ein Todesbote nach dem Vorbild der Bean Sídhe, der irischen Banshee, deren Klageschrei traditionell den nahenden Tod eines Menschen ankündigt.

Uhu, Kollektivhysterie oder etwas anderes?

Skeptiker verweisen meist auf den Virginia-Uhu, eine in der Region heimische Eulenart mit auffälligen Federbüscheln, die im Dämmerlicht überproportional und fremdartig wirken kann, insbesondere wenn das Licht von Autoscheinwerfern die Netzhaut der Tiere rot aufleuchten lässt. Andere Erklärungsansätze reichen von kollektiver Suggestion in der angespannten Atmosphäre des Kalten Krieges bis zu bewusster Übertreibung durch die Lokalpresse. Keine dieser Erklärungen deckt jedoch vollständig ab, warum die Sichtungen sich exakt auf ein Zeitfenster von 13 Monaten konzentrierten, exakt an einem stillgelegten Militärgelände mit unterirdischen Tunneln begannen und exakt mit einer der folgenreichsten Infrastrukturkatastrophen der US-Geschichte endeten. Point Pleasant selbst hat sich längst entschieden, welcher Version es glaubt: Seit 2003 steht dort eine über drei Meter hohe Chromstahl-Statue des Wesens, und jedes September zieht das "Mothman Festival" zehntausende Besucher aus aller Welt an.

Ein geflügelter Wächter oder ein geflügeltes Omen?

Auffällig ist, wie sehr sich das Muster von Point Pleasant mit einem uralten europäischen Motiv deckt: geflügelte, menschenähnliche Wesen, die an exponierten, oft baulich markanten Orten erscheinen und mit Katastrophen in Verbindung gebracht werden. Genau dieses Motiv untersucht Maxim Kern in seinem Buch "WÄCHTER" anhand der Gargoyles und Chimären europäischer Kathedralen – geflügelte Hybridwesen, die seit Jahrhunderten an Kirchtürmen sitzen und denen die Folklore ebenfalls eine Warn- und Schutzfunktion zuschreibt. Ob Mothman ein Wächter war, der vor der Katastrophe warnte, oder ein Omen, das sie nur vorwegnahm, bleibt bis heute so ungeklärt wie die Frage, warum die Sichtungen exakt in dem Moment endeten, als die Brücke fiel.

Ein ganz ähnliches Muster – uraltes Mythenwesen trifft auf reale, ungeklärte Ereignisse in einer eng begrenzten Region – findest du auch im Artikel Werwolf Mythen: Die faszinierende russische Folklore hinter dem Oboroten.

Geflügelte Wesen zwischen Schutz und Vorbote sind auch das Thema von "WÄCHTER: Was Gargoyles und Glocken wirklich sind" – über das vergessene Schutzsystem der alten Welt und die Frage, warum so viele Kulturen unabhängig voneinander an geflügelte Wächterwesen glaubten.

Weitere ungeklärte Phänomene und Kryptiden wie Mothman findest du gesammelt in unserer Kollektion Mysterien & Kryptiden.

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