Ein Komet am Himmel, ein missgestaltetes Kalb, eine rätselhafte Zeitungsanzeige: Immer wieder glauben Menschen im Rückblick, große historische Umbrüche hätten sich vorher angekündigt. Dieses Muster ist selbst uralt - und psychologisch gut erforscht.
Der Komet und Caesars Tod
Eines der bekanntesten antiken Beispiele: Nach der Ermordung Julius Caesars 44 v. Chr. erschien tatsächlich ein außergewöhnlich helles Himmelsobjekt - vermutlich ein Komet -, das römische Zeitgenossen als Zeichen seiner Vergottung deuteten. Der Historiker Sueton und der Dichter Ovid überliefern diese Deutung; moderne Astronomen konnten das Objekt später tatsächlich als real existierenden Kometen identifizieren - die Deutung als "Vorzeichen" blieb jedoch eine nachträgliche kulturelle Interpretation eines an sich neutralen Himmelsereignisses.
Die Psychologie der Rückschau
Kognitionspsychologen bezeichnen die Tendenz, ein Ereignis im Nachhinein als vorhersehbar oder vorherangekündigt wahrzunehmen, als "Hindsight Bias" (Rückschaufehler). Sobald ein großer Umbruch tatsächlich eingetreten ist, durchsuchen Menschen unbewusst die Zeit davor nach passenden "Zeichen" - und werden dabei fast immer fündig, weil in jedem größeren Zeitraum ungewöhnliche Naturereignisse, auffällige Zeitungsmeldungen oder persönliche Vorahnungen ohnehin vorkommen.
Warum Zeitungsanzeigen sich besonders eignen
Historische Zeitungsanzeigen sind für rückwirkende Omen-Deutungen besonders ergiebig, weil sie in großer Zahl, mit oft kryptischer Kurzsprache und ohne erkennbaren Kontext erschienen - ideale Bedingungen, um im Nachhinein beliebige Bedeutungen hineinzulesen. Ähnliche Deutungsmuster kennt man auch aus der Erforschung angeblich "codierter" historischer Botschaften, wie im Artikel Der Zimmermann-Code: Kryptografie vor dem Ersten Weltkrieg beschrieben.
Ein universelles menschliches Muster
Von römischen Auguren, die aus dem Vogelflug die Zukunft lasen, über mittelalterliche Kometendeutungen bis zu modernen Diskussionen um angebliche "Vorzeichen" vor Weltkriegen oder Wirtschaftskrisen zieht sich dasselbe Grundmuster durch die Menschheitsgeschichte: Das Bedürfnis, großen, unkontrollierbaren Ereignissen im Nachhinein einen Sinn und eine Vorhersehbarkeit zu verleihen, macht die Welt subjektiv weniger chaotisch und beunruhigend.