1947 veröffentlicht der deutsche Raketeningenieur Willy Ley, später einer der bekanntesten Populärwissenschaftler der US-Raumfahrt, einen Artikel über obskure Gruppen im Berlin der Vorkriegszeit. Beiläufig erwähnt er eine Gesellschaft, die nach einer Kraft namens „Vril“ gesucht habe. Dieser eine Nebensatz wird zum Ausgangspunkt einer der langlebigsten Verschwörungserzählungen des 20. Jahrhunderts.
Willy Ley: vom Berliner Raketenclub zur NASA-Berühmtheit
Willy Ley war Mitbegründer des „Vereins für Raumschiffahrt“ im Berlin der 1920er Jahre und emigrierte 1935 in die USA, wo er zu einem der einflussreichsten Wissenschaftsautoren der frühen Raumfahrt-Ära wurde. Sein Artikel von 1947 über „Pseudowissenschaft im Dritten Reich“ gilt als eine der frühesten Quellen, die überhaupt von einer „Vril-Gesellschaft“ berichten. Genau seine Beiläufigkeit macht das im Nachhinein so bemerkenswert: Aus einem Halbsatz eines seriösen Mannes wurde eine Weltverschwörung.
Von „The Coming Race“ zum angeblichen Geheimbund
Der Begriff „Vril“ selbst stammt aus einem Roman: „The Coming Race“ von Edward Bulwer-Lytton aus dem Jahr 1871, einer fiktiven Geschichte über eine unterirdische Zivilisation mit Zugang zu einer nahezu grenzenlosen Energiequelle. Wie dieser viktorianische Science-Fiction-Roman zum populären Verschwörungsmythos wurde, haben wir ausführlich im Artikel Vril: Wie ein Science-Fiction-Roman von 1871 zum Verschwörungsmythos wurde eingeordnet.
Bergier, Pauwels und „Der Morgen der Magier“
Erst Jahrzehnte nach Leys Notiz griffen die französischen Autoren Jacques Bergier und Louis Pauwels das Thema in ihrem Bestseller „Der Morgen der Magier“ (1960) auf und verknüpften es explizit mit der Thule-Gesellschaft und anderen esoterischen Zirkeln des frühen 20. Jahrhunderts. Max Ehrenberg baut in seinem Hörbuch „VRIL“ genau auf dieser Traditionslinie auf, vom Romanstoff über Leys Randnotiz bis zu Bergiers Ausschmückung.
Warum die Quellenlage so dünn und trotzdem so wirkungsmächtig ist
Bezeichnend für den gesamten Vril-Mythos: Es gibt bis heute keine primäre historische Akte, die die Existenz einer organisierten „Vril-Gesellschaft“ belegt, nur eine Kette von Sekundärquellen, die sich gegenseitig zitieren. Genau dieses Muster aus Roman, Randnotiz und literarischer Ausschmückung macht den Mythos zum Lehrbuchbeispiel dafür, wie aus wenigen Zeilen ein jahrzehntelang wiederholter „Fakt“ werden kann. Und genau das ist der Grund, warum man ihn kennen sollte.
Die vollständige Spurensuche im Hörbuch
Im Hörbuch „VRIL – Die geheime Zivilisation unter der Erde“ führt Max Ehrenberg diese Fäden zusammen und verknüpft sie mit der älteren Hohlerde-Theorie, die wir im Artikel Die Hohlerde-Theorie eingeordnet haben. Wenn dich fasziniert, wie ein Halbsatz Geschichte schreiben konnte, ist das die Geschichte dahinter.
→ Jetzt „VRIL“ als Hörbuch anhören
Auch als Taschenbuch erhältlich
Diese Geschichte gibt es auch zum Selberlesen: „VRIL: Die geheime Zivilisation unter der Erde“.